Die Module hängen, der Wechselrichter ist angeschlossen, der Zählerschrank umgebaut. Jetzt den Schalter umlegen und fertig? Wer das tut, merkt einen verpolten Strang oft erst, wenn der Wechselrichter einen Fehler zeigt oder schon Schaden genommen hat. Die Inbetriebnahme ist deshalb kein Einschalten, sondern eine Abfolge: prüfen, messen, einstellen, dokumentieren. Am Ende steht ein Prüfbericht, den der Netzbetreiber für die Fertigstellungsmeldung braucht und den der Betreiber für Garantie und Versicherung aufheben sollte.
Welche Norm gilt für die Prüfung?
In Deutschland regelt die DIN EN 62446-1 (VDE 0126-23-1), Ausgabe 2016-12, Prüfung, Dokumentation und Instandhaltung netzgekoppelter PV-Anlagen. Laut Forum Verlag wird sie zusammen mit der DIN VDE 0100-600 bei jeder Erstprüfung angewendet und enthält Muster für Prüfberichte. In Österreich gibt es die Norm als ÖVE/ÖNORM EN 62446-1. Die österreichischen Errichtungsbestimmungen haben wir für diesen Artikel nicht im Einzelnen ausgewertet.
Schritt 1: Sichtprüfung vor dem ersten Einschalten
Bevor ein Messgerät angeschlossen wird, sehen Sie sich die Anlage an. Sitzen alle Steckverbinder vollständig, und stammen Stecker und Buchse vom selben Hersteller? Liegen die Leitungen ohne Schleifen und ohne Scheuerstellen? Sind Strings, Generatoranschlusskasten und Wechselrichter beschriftet? Ist das Gestell an den Potentialausgleich angebunden?
Welche Fehler bei Steckern und Leitungen typisch sind, steht im Artikel DC-Verkabelung. Was zur Erdung gehört, im Artikel Potentialausgleich.
Schritt 2: Polarität und Leerlaufspannung je Strang
Jeder Strang wird bei offenem DC-Trenner einzeln gemessen. Zuerst die Polarität: Plus muss an Plus. Ein verpolter Strang soll gar nicht erst an den Wechselrichter kommen, deshalb wird vor dem Stecken gemessen.
Dann die Leerlaufspannung. Sie wird mit dem Sollwert verglichen. Ein Rechenbeispiel mit dem Modul LONGi LR7-54HVB-475M: Es hat laut Datenblatt eine Leerlaufspannung von 40,18 V und einen Temperaturkoeffizienten von −0,2 % je Kelvin. Ein Strang mit zwölf Modulen kommt damit auf:
- 506,3 V bei 0 °C Modultemperatur
- 482,2 V bei 25 °C
- 462,9 V bei 45 °C
- 448,4 V bei 60 °C
Fehlt ein Modul im Strang, misst man bei 25 °C nur 442,0 V. Ist ein Modul verpolt, sind es 401,8 V. Ein fehlendes Modul macht also gut 8 % aus.
Hier liegt die Falle. An einem heißen Sommertag mit 60 °C am Modul misst ein vollständiger Strang 448,4 V, kaum mehr als ein Strang mit fehlendem Modul bei 25 °C. Wer nur gegen den Datenblattwert vergleicht, übersieht den Fehler oder sucht einen, den es nicht gibt. Besser ist es, gleich lange Strings kurz hintereinander zu messen und miteinander zu vergleichen. Weicht einer deutlich ab, stimmt in diesem Strang etwas nicht.
Wie Sie die Leerlaufspannung bei Kälte für die Auslegung berechnen, steht im Artikel Leerlaufspannung bei Kälte.
Schritt 3: Kurzschlussstrom und Isolationswiderstand
Der Kurzschlussstrom je Strang zeigt, ob die Module Licht bekommen und richtig verschaltet sind. Er hängt stark von der Einstrahlung ab. Deshalb gilt auch hier: Strings unter gleichen Bedingungen vergleichen, nicht mit dem Datenblattwert von 15,03 A beim LONGi-Modul, der für 1.000 W/m² gilt.
Danach folgt die Isolationsmessung zwischen den Leitern und Erde. Laut Photovoltaikbüro wird mit 1.000 V Prüfspannung gemessen, der Grenzwert liegt bei 1 MΩ für eine Systemspannung von 1.000 V. Vorher prüfen Sie, ob der Erdungspunkt wirklich mit dem Gestell verbunden ist: Der Widerstand sollte unter 1 Ω liegen. Sonst misst man gegen einen Punkt, der mit dem Gestell nichts zu tun hat.
Auf der AC-Seite gehören die Prüfungen nach DIN VDE 0100-600 dazu, etwa Schutzleiter und Fehlerstromschutzschalter.
Schritt 4: Wechselrichter und Speicher einstellen
Erst jetzt wird eingeschaltet. Drei Einstellungen entscheiden, ob die Anlage abgenommen wird und richtig arbeitet.
Die Ländereinstellung legt fest, nach welchen Netzregeln der Wechselrichter einspeist. In Österreich prüft der Netzbetreiber, ob das Gerät in der Wechselrichterliste nach TOR Erzeuger steht. Für Deye-Geräte der Reihe SG04LP3 nennen Nutzer im herstellernahen Forum die Firmware 1150 (R25) als zugelassenen Stand. Das ist keine Herstellerangabe. Fragen Sie im Zweifel vorher beim Netzbetreiber nach.
Das Batterieprotokoll muss zur Batterie passen. Welche Kombinationen freigegeben sind und welches Protokoll gilt, steht im Artikel BMS-Kommunikation.
Die App und die Internetverbindung gehören zur Inbetriebnahme dazu. Bei manchen Herstellern hängt die Garantie daran. Sigenergy schreibt in seiner deutschen Speichergarantie: Ist das System länger als einen Monat offline, wird die zehnjährige Garantie möglicherweise nicht eingehalten. Für die Sigenergy-Gateways und Hybrid-Wechselrichter sind die Bedingungen noch strenger.
Schritt 5: Der Prüfbericht
Der Prüfbericht hält fest, was gemessen wurde und mit welchem Ergebnis. Hinein gehören die Anlagendaten mit Modul- und Wechselrichtertyp und Stringplan, die Messwerte je Strang mit Uhrzeit und Wetter, der Isolationswiderstand, die AC-Prüfungen und die eingestellten Werte am Wechselrichter. Ein Schaltplan gehört dazu. Die DIN EN 62446-1 enthält Muster dafür.
Bei uns sind Auslegung, Inbetriebnahme, Abnahmemessung, Prüfbericht und Netzanmeldung eine gemeinsame Pauschale. Den Aufwand bestimmt kaum die Zahl der Module, sondern die Zahl der Schritte.
Aus der Praxis: 65535 im Portal
Ein Kunde mit Deye-Wechselrichter fragte uns, warum der Parameter „Lithium mode“ im Solarman-Portal plötzlich 65535 zeigte. Für diesen Wert gibt es keine Herstellerangabe. 65535 ist der größte Wert eines 16-Bit-Registers. Unsere Vermutung: Das Portal liest den Wert nicht richtig aus, die Einstellung selbst stimmt. Unser Rat war, am Display des Wechselrichters nachzusehen. Steht dort der Wert aus der Freigabeliste, liegt das Problem beim Auslesen.
Für die Inbetriebnahme heißt das: Schreiben Sie die eingestellten Werte vom Display in den Prüfbericht, nicht aus dem Portal. Dann gibt es später einen Vergleichswert.
Häufige Fragen
Was wird bei der Inbetriebnahme einer PV-Anlage gemessen?
Je Strang Polarität, Leerlaufspannung und Kurzschlussstrom, dazu der Isolationswiderstand der DC-Seite. Auf der AC-Seite kommen die Prüfungen nach DIN VDE 0100-600 hinzu, etwa Schutzleiter und FI.
Wie hoch muss der Isolationswiderstand sein?
Für eine Systemspannung von 1.000 V nennt das Photovoltaikbüro mindestens 1 MΩ bei 1.000 V Prüfspannung.
Warum weicht die gemessene Leerlaufspannung vom Datenblatt ab?
Das Datenblatt gilt für 25 °C Modultemperatur. Ein heißes Modul liefert weniger Spannung. Ein Zwölferstrang mit LONGi-Modulen misst bei 60 °C rund 448 V statt 482 V.